Virtuelles Museum


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Virtuelles Museum - Karlsruher Türkenbeute 6/24/2006
BulletAmulett. In zahlreichen Bibliotheken werden osmanische Amulette dieser Art aufbewahrt. Ihre Wirksamkeit beruhte auf Elementen, denen man Böses abwehrende Kräfte beimaß. Mit höchster Kraft versehen waren die Heiligen Texte aus dem Koran, die in mehrere Schreibrichtungen auf dem Amulett angeordnet sind.

BulletAmulett. Amulett in achteckiger, vergoldeter Silberbüchse, mit kuppelförmigem, facettiertem Deckel und Boden. Um Deckel und Boden umlaufendes profiliertes Band. Tremulierstich. Durch eine tuğra-ähnliche Marke auf die Zeit Sultan Ibrahims (1640-1648) datierbar. Am Deckel eine Öse, an der Wandung drei Ösen, durch die eine geflochtene gelbgrüne Seidenschnur gezogen ist, die doppelt genommen, 48.00 cm lang herabhängt und am Ende geknotet ist. Drei alte Etiketten aufgeklebt, auf dem einen “69c" in Tinte, die anderen unleserlich. Der lange, schmale Papierstreifen (395.00 x 5.00 cm) ist aus zwölf Stücken (6.50 cm, 26.50 cm, 8.00 x ca. 42.00 cm, 28.00 cm) zusammengeklebt und gliedert sich in ein dekoratives Kopfteil von 128.40 cm Länge und ein Hauptteil, auf dem drei längere Texte untergebracht sind. An der Spitze eine goldene Sonnenscheibe, danach eine mit Mondsichel gekrönte goldene Zypresse. Auf ihrem Stamm, aus dem beidseitig fünf Tulpen wachsen, die Besmele. Der Krone eingeschrieben ein Teil von Sure 61.13, umrandet von Teilen des Thronverses (Sure 2.255), neben der Krone beidseitig Tulpenblüte aus einem schriftartigen Ornament erwachsend, darunter isolierte Blattformen. Eine Gruppe von drei übereinanderstehenden, einander überschneidenden Kreisen nehmen den Stamm auf. Sie enthalten, kreisförmig geschrieben, Sure 1. Unter einem aus Blumenzwiebeln, Tulpen und Nelkenblüte gebildeten Mittelstück mit Anrufungen Gottes zwei miteinander verbundene Kreise, darin Sure 112. Einer halbkreisförmigen Überleitung folgt ein aus schönen Namen Gottes zusammengesetztes Feld von 344 schräg angeordneten Quadraten in Rot, oxydiertem Silber, Gelb und Rot. Ein Kreis enthält in Goldschrift Sure 27.30 und leitet über zu einem Buchstabenquadrat von 3 x 5 Feldern in Rot, oxydiertem Silber, Gelb und Gold, überschrieben “Wafq ichlas“. Die Beschreibung der Gestalt Muhammads im Mittelfeld von 18 bunten Medaillons, im Außenring türkische Versionen. Vor den Medaillons entsprechende Überschrift in Gold, zwischen den Medaillons Anrufungen Gottes in schwarzer Tinte. Weitere Anrufungen Gottes in einem schmalen Schriftband, flankiert von zwei nach vorne gerichteten, stilisierten Zypressen. Die Überschrift “Wafq hafiz“; schwarz auf Goldgrund erscheint dann über einem Buchstabenquadrat von 3 x 6 Quadraten in den Farben Rot, Gelb, Gold und oxydiertem Silber. Mit einem goldgerahmten Rechteckfeld, das Sure 112 in großer Goldschrift enthält, endet das Kopfteil. Der Hauptteil des Amuletts wird durch schwarz geränderte Goldlinien in einen breiten Mittelstreifen und zwei flankierende schmale Streifen eingeteilt. Die äußeren Goldlinien sind von drei schwarzen Linien umgeben, die innere Goldlinie nur von zwei. Den oberen Randstreifen füllt in fortlaufender Zeile Sure 36, den unteren Randstreifen Sure 48. Beide Suren stehen gegenüber dem Haupttext im Mittelstreifen auf dem Kopf. Dieser Mittelstreifen ist durch Linien in schräge Zonen gegliedert, die auf goldenem, weißem und gelbem Grund mit roten Spitzen, zunächst fünfmal zweizeilig, dann auf einem oxydierten Silberfeld beginnend dreizeilig mit dem Text der Qaside al-Burda (siehe The Encyclopaedia of Islam. Repr. Vol. 1. Leiden 1971, S.1314f.) des al-Busiri (gestorben zwischen 1294-1297) beschrieben sind. Überschrift in einem quergestellten, schmalen Rechteck. An dieses Rechteck lehnt sich ein zunächst geschweiftes, dann spitz zulaufendes gelbes Feld, das den Raum für die drei Streifen des Textes strukturiert, auf diesem Feld in schwarzer Feder das Glaubensbekenntnis. Das Ende ist unter Textverlust abgerissen. Die Wirksamkeit eines solchen Amuletts beruht auf Elementen, denen man apotropäische Kräfte beimisst. Hier: die (spitze, immergrüne) Zypresse, die Anordnung der Schrift in mehrere Schreibrichtungen, ihre Gliederung in schräge Streifen (Schrägstreifen häufig auch auf Amulettbehältern, siehe Peter W. Schienerl. Schmuck und Amulett in Antike und Islam. Aachen 1988, S. 33). Dann Heilige Texte, besonders aus dem Koran, als Gottes Wort natürlich mit höchster Kraft versehen. Aber auch ein arabisches Gedicht mit anerkannten übernatürlichen Kräften, die “Mantelkaside“ (Burda), die den Propheten und seine Wunder feiert. Ihren Verfasser hatte der Prophet der Sage nach durch Überwerfen seines Mantels aus schwerer Krankheit gerettet. Schließlich die zaubermächtigen Gottesnamen, sei es in direkter Nennung, sei es verschlüsselt, etwa in Form von Buchstabenquadraten. Die Kombination all dieser Elemente verstärkt die Wirkung. Wie in anderen Religionen verbinden sich im osmanisch-islamischen Amulett uralte magische Vorstellungen mit Bestandteilen der Hochreligion.

BulletTechnische Angaben. Museum: Badische Landesbibliothek, Karlsruhe
Inventar Nummer: BLB Hs. Rastatt 204
Stilrichtung: Osmanisch
Datierung: Ca. 1640-1648
Maße: L 395.00 cm, B ca. 5.00 cm
Material: Silber; Papier


BulletErhaltungszustand. Der ursprünglich feste Boden der Kapsel später abgetrennt, aber vorhanden. Der Amulettstreifen hat sich an der dritten Klebestelle gelöst und besteht nun aus zwei Teilen von 74.40 cm und 320.60 cm Länge. Am Ende fehlt ein Stück mit dem Ende der Qaside Burda und Teilen der Suren 36 und 48.

BulletAlte Inventare. Möglicherweise identisch mit der im "Inventarium über die Fürstliche Rüst Cammer zu Carlsburg" 1688 (GLA 47/696) angeführten: "Ein Silbern Buchs, worin das Alcoran [Haben Ihr dhlt: Mein Gnädigster Herr, gleich zuhanden genomen.]".




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